Logo von touched to be. TOUCHED TO BE Raum für tantrisch orientierte Körperarbeit
Ein europäischer Mann sitzt selig lächelnd in einem Massagesetting und hält seine Hände vor der Brust zusammen.

Hinterfragt

Namasté, Anjali Mudra und die kulturelle Aneignung.

Begriffe und Gesten aus indischen Traditionen scheinen wie selbstverständlich zur westlichen Tantra-Massage zu gehören.

Michael Köllner · 2. September 2026

Wie alles anfing

Mit fremden Federn schmücken.

Vor vielen Jahren entdeckte ich für mich die Tantra-Massage als großartige Ausdrucksmöglichkeit für mein tiefstes Inneres.

In den ersten Kursen, die ich besuchte, fiel mir relativ bald auf: Nach Beendigung der Massage saß man sich gegenüber, faltete die Hände vor der Brust und verneigte sich als Zeichen des Dankes voreinander. Manche hauchten dazu noch „Namasté“.

Ich passte mich als unwissender Neuling an, weil es die meisten völlig selbstverständlich ausführten und die Anleiterin es so vorgab.

Was in den Kursen allerdings fehlte, war eine Erklärung dafür: Wieso machen wir das? Was haben diese Gesten und Wörter mit der westlichen, modernen und vor allem jungen Tradition der Tantra-Massage zu tun? Ist sie ohne diese kein vollständiges Ritual? Zerstöre ich gar einen heiligen Raum, wenn ich mir das Recht herausnehme, es anders zu handhaben?

Ich spürte von Anfang an eine Diskrepanz, denn mir war klar: Das bin doch nicht ich. Da machte ich etwas mit, obwohl ich es als Instrumentalisierung empfand. Ein einfaches „Danke für das Vertrauen“ hätte es genauso getan. Stattdessen nutzte man eine Fremdsprache, die mit mir als Mensch ohne entsprechenden kulturellen Hintergrund und Tradition nichts zu tun hat.

Es fehlte mir damals an Selbstsicherheit, meinen eigenen Weg zu gehen und mich gegen die aufgestülpte Konformität zu entscheiden.

Eine helle Keramiktasse mit dem Schriftzug Namaste steht auf einem kleinen Holztisch, daneben liegt ein Leinentuch im Morgenlicht.

Das Wort

Namasté.

In Nordindien und Nepal ist Namasté schlicht die alltägliche, höfliche Grußformel, vergleichbar mit einem respektvollen „Guten Tag“.

Das Wort entstammt dem Sanskrit (namas: Verneigung, Ehrerbietung; te: dir) und bedeutet wörtlich: Ich verneige mich vor dir. In Indien wird Namasté vor allem auch als Begrüßung für Angesehene, Älteste oder andere Respektpersonen genutzt.

Im Zuge der westlichen Esoterik-, Yoga- und Tantra-Welle wurde der Begriff aus seinem Alltagszusammenhang gerissen, übernommen, aufgeladen und romantisierend überhöht. Während er in Südasien von der Marktfrau bis zum Busfahrer genutzt wird, gilt er im Westen fälschlicherweise als mystische, sakrale Formel im Sinne von: Das Göttliche in mir grüßt das Göttliche in dir. Diese Bedeutung wurde dem Begriff nachträglich übergestülpt, um ihm einen exotischen, spürbar heiligen Anstrich zu verleihen.

Die Geste

Anjali Mudra.

Ursprünglich ist das Zusammenlegen der Handflächen vor dem Herzen eine indische Geste der Ehrfurcht, des Respekts und der Ehrerbietung.

Im Sanskrit heißt sie Anjali Mudra oder Pranam und wird oft bei der Begrüßung von Älteren, Lehrern oder Göttlichkeiten genutzt.

Auch bei der Übernahme dieser Geste durch uns Europäer stellt sich in einer modernen westlichen Massagepraxis dieselbe Frage wie beim Wort „Namasté“: Handelt es sich um eine echte, gewachsene Form des Dankes oder, zugespitzt, um eine geliehene Theater-Requisite? Letzteres dürfte der Fall sein.

Wieso berufen wir uns nicht auf unsere eigenen sozial-gesellschaftlichen Wurzeln, Traditionen und Geschichte? Unsere Gäste sind wahrscheinlich fast ausnahmslos westliche Menschen und finden sich in diesen Traditionen wieder.

Auf einem hellen Holz-Sideboard stehen eine kleine Buddha-Figur, ein Räucherstäbchen, eine Klangschale, eine Mala-Kette und eine Kerze.

Ein Blick hinter die Kulisse

Die Veredelung des Triebes.

Hinter der rituellen Überhöhung könnte ein unbewusster Abwehrreflex stecken: Wer sich mit indischen Gebetsgesten umgibt, versucht, das eigene Angebot krampfhaft aus der gesellschaftlichen Schmuddelecke zu heben.

Die Flucht ins „Heilige“ soll den Raum von der klassischen Sexarbeit abgrenzen und dem Handeln einen unantastbaren Anstrich verleihen: menschliche Wollust kontra göttliche Ekstase.

Das Wort „Niveau“

Das bürgerliche Milieu macht es ähnlich: Dating-Plattformen werben oft mit dem Wort „Niveau“. Es dient als moralischer Weichspüler, um die eigene Lust vom Stigma des „Billigen, Triebhaften oder Dreckigen“ zu befreien. Es schützt das bürgerliche Selbstbild und bewahrt vor der eigenen Scham.

Man möchte sich meilenweit von Prostitution, Bordell-Aura und rein käuflicher Lust distanzieren. Die Botschaft lautet: „Wir kaufen nicht und wir verkaufen nicht. Wir sind ein exklusiver Zirkel von Genießern auf Augenhöhe.“ Wer von „Niveau“ spricht, grenzt sich nach unten ab. Es ist der Versuch, der eigenen Sexualität eine höhere soziale Akzeptanz zu verleihen.

Wer sich eingesteht, schlicht nach abenteuerlichem und „versautem“ Sex zu suchen, spürt oft gesellschaftliche Bewertung im Nacken. Wer hingegen „stilvollen Hedonismus und niveauvollen Austausch bei einem Glas Wein“ sucht, veredelt den Trieb zur Kulturveranstaltung und gibt sich selbst einen Anstrich aus edlen Absichten und Legitimation.

Genau wie Neo-Tantra den Begriff „Namasté“ als exotische Verpackung nutzt, nutzt das bürgerliche Milieu Begriffe wie „Stil“ oder „Kultur“ als Gütesiegel und Feigenblatt. Man verkauft eine veredelte Version derselben Ware. Es ist schein-heilig.

Meine Haltung und Konsequenz

Echte Qualität braucht kein fernöstliches Kulissenspiel.

Was professionelle Tantra-Massage trägt, ist keine vorgegaukelte Heiligkeit, sondern ein glasklares ethisches Fundament: die absolute Ziel- und Leistungsfreiheit, ein verlässlich gehaltenes Setting für Körpererfahrung und die Einladung zur reinen Selbstwahrnehmung.

Klarheit gehört für mich zu den wichtigsten Voraussetzungen in der Tantra-Massage. Der Begriff der Barrierefreiheit passt hier im übertragenen Sinn hervorragend: Ein Gast soll sich in diesem Raum frei fühlen und nicht zusätzlich beschwert und beeinflusst werden. Es soll ihm leicht gemacht werden, sich so zu geben und zu äußern, wie es für ihn stimmig ist. Indische Begriffe und Gesten, vom Westen mit anderen Inhalten gefüllt, sind da deplatziert und kontraproduktiv.

Eine Tradition, die es nie gab

Die moderne Tantra-Massage ist eine westliche Entwicklung des 20. Jahrhunderts, stark geprägt von humanistischer Psychologie und Körpertherapie. Der Import indischer Vokabeln täuscht eine historische Fernost-Tradition vor, die dieses Setting nie besessen hat.

Masken statt Nähe

Wenn ein westlicher Masseur einem westlichen Gast Wörter und Gesten fremder Traditionen entgegenbringt, entsteht keine echte Nähe, sondern eine aufgesetzte Rolle. Wort und Geste wirken wie Masken, hinter denen die eigentliche Begegnung auf Augenhöhe verschwindet.

Rituelle Hürden

Der Gast betritt die Praxis oft mit aufgeladenen Erwartungen, Anspannung und einer gewissen Scheu. Ein feierlich gehauchtes „Namasté“ baut eine rituelle Hürde auf. Es erzeugt Verwirrung darüber, wie man sich verhalten soll, und drängt dem Raum eine Pseudo-Heiligkeit auf, die ehrlichen Bedürfnissen im Weg steht.

Alltagswörter und Gesten einer fremden Kultur zu entnehmen, sie künstlich zur erleuchteten Zauberformel zu erklären und als Verkaufsargument zu nutzen, ist reine Fassade. Man veredelt damit nicht, was wir tun.

Deshalb sage ich nicht „Namasté“, und ich falte auch nicht die Hände zur Verneigung. Ich sage: „Hey, schön, dass du da bist.“ Und am Ende: „Ich danke dir sehr für dein entgegengebrachtes Vertrauen.“

Ein klares, bodenständiges Wort besitzt

deutlich mehr Würde, Respekt und Ehrlichkeit

als eine fremd aufgeladene Sprache oder Geste.

Zur Blogübersicht

Aus dem Blog

Das könnte dich auch interessieren.

Historischer Hintergrund

Wer hat’s erfunden? Die Entstehung der Tantra-Massage

Wie aus unterschiedlichen westlichen und östlichen Einflüssen die heutige Praxis entstand.

Weiterlesen

Serie in fünf Teilen

Das Chakrenkonzept

Ursprung, Anatomie und moderne Einordnung einer Lehre, die so vertraut wirkt, als hätte es sie schon immer gegeben.

Weiterlesen

Männer und ihre Lust

Selbstliebe ist kein Mangel

Warum Selbstbefriedigung kein Mangel ist, sondern ein Zeichen von Lebendigkeit und Selbstachtung.

Weiterlesen

Lust auf eine Begegnung?

Lass uns einen Termin finden.

Freie Termine für eine Tantra-Massage oder Gay-Tantra- & Body-to-Body-Massage in Freiburg siehst du direkt in den Kalendern.

Wenn keiner passen sollte, schreib mir oder ruf gerne an. Wir finden einen Zeitpunkt, der für dich passt, und ich beantworte gern vorab deine Fragen.

Freien Termin ansehen

Telegram-Kanal

Diskret auf dem Laufenden bleiben.

Neue Texte, kurzfristig freie Termine für Männermassagen und offene Einblicke in Tantra-Massage und Gay-Tantra: meine Arbeit mit Lust, Erotik und Berührung von Mann zu Mann. Du kannst still mitlesen – ohne öffentliche Mitgliederliste.

Telegram-Kanal öffnen

Noch Fragen offen?

Schreib mir, was du vor deinem ersten Termin wissen möchtest.
Lieber anrufen? 0761 / 48924318