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Ein Mann schaut frontal in die Kamera, während ein Mann hinter ihm seine Stirn und seinen Brustkorb berührt.

Serie in fünf Teilen

Das Chakrenkonzept.

Ursprung, Anatomie und moderne Einordnung.

Michael Köllner · 12. August 2026

Ein Mann sitzt mit geschlossenen Augen in einem Rattansessel, eine Hand liegt auf der Brust, die andere auf dem Bauch.

Worum es geht

Eine Lehre wie ein Allgemeingut.

Bei meiner Reflexion über die Tantra-Massage und deren verbreitete Eigenarten stoße ich immer wieder auf das System der Chakren.

Diese Lehre hat sich wie ein kollektives Allgemeingut ins Gedächtnis gebrannt, und Alternativbehandelnde kommen scheinbar nicht um sie herum. Doch was ist das genau? Gibt es Chakren wirklich? Und benötigt westliches Neo-Tantra dieses Konstrukt? Wie sollten wir bestenfalls damit umgehen?

In fünf Teilen schaue ich mir Entstehung, Entwicklung und Verwendung der Chakren genauer an. Meine Frage hinter dieser Serie: Braucht es die Chakrenlehre bei einer westlichen Tantra-Massage? Sollte nicht deren Weiterentwicklung weg von esoterischer Überfrachtung hin zu Klarheit in Wort und Raum führen?

Teil 1: Ein Rad, viele Systeme

Vom Wortstamm zur heutigen Vorstellung.

Wer heute von Chakren spricht, hat meist ein ziemlich eindeutiges Bild vor Augen: sieben Energiezentren, die sich vom Becken entlang der Wirbelsäule bis zum Scheitel erstrecken.

Jedem Chakra wird ein Name, eine bestimmte Farbe, Gefühle, Körperbereiche und Lebensthemen zugeordnet. Das Herzchakra steht zum Beispiel für Liebe, das Kehlchakra für Ausdruck, das Wurzelchakra für Sicherheit und Erdung.1, 2

So selbstverständlich dieses Modell heute erscheint, so wenig selbstverständlich ist es historisch.

Das Wort cakra, meist Chakra geschrieben, stammt aus dem Sanskrit und bedeutet zunächst ganz schlicht Rad, Kreis oder Scheibe. Der Begriff ist sehr alt. Er findet sich bereits in den Veden, den ältesten überlieferten religiösen Texten Indiens. Dort bezeichnet cakra allerdings noch kein unsichtbares Energiezentrum im menschlichen Körper.3

Das Rad erscheint vielmehr in unterschiedlichen Zusammenhängen. Es kann das Rad eines Wagens bezeichnen, einen Kreislauf symbolisieren oder in kosmologischen Vorstellungen für zyklische Bewegungen und Ordnungen stehen.

Auch die Vorstellung des mächtigen Herrschers als cakravartin, als jemand, dessen Rad sich überallhin bewegt, gehört in diesen Bedeutungsraum.3

Mehrere alte, aufgeschlagene Bücher liegen nebeneinander auf einem Holztisch mit Leinentuch, die Hand eines Mannes ruht auf einer Seite.

Vielfalt der Überlieferung

Es gab nicht das eine Chakrensystem.

Tantrische Traditionen entwickelten unterschiedliche Systeme.

Je nach Text und Schule finden sich verschiedene Zahlen von Zentren, verschiedene Positionen und unterschiedliche Zuordnungen.4, 5

Chakren wurden offenbar nicht als anatomische Organe verstanden, die jeder Mensch in exakt gleicher Zahl an exakt denselben Stellen besitzt. Wären sie vergleichbar mit Herz, Leber oder Nieren, müsste man erwarten, dass unterschiedliche Autoren dieselben Strukturen beschreiben.4, 5

Chakren waren nicht einfach Punkte am Körper, denen bestimmte Eigenschaften zugeordnet wurden. Sie standen in Verbindung mit Meditation, Visualisation, Atem, Mantras, Gottheiten, Elementen und religiösen Vorstellungen.

Chakren erscheinen innerhalb solcher Systeme als besondere Zentren oder Knotenpunkte. Damit sind sie ursprünglich Teil eines viel größeren Modells.4, 5

Körpermodell

Chakren gehören zu einem Modell.

In den tantrischen Traditionen, in denen Chakren zu wichtigen Bestandteilen spiritueller Praxis wurden, gehörten sie zu einem umfassenderen Modell des Menschen. Neben dem sichtbaren und berührbaren Körper wurde der sogenannte subtile Körper gedacht.4, 5

Ein Chakra ist ein besonderer Ort innerhalb eines vorgestellten Geflechts von Bahnen, Kräften, Symbolen und meditativen Erfahrungen.

Dieser subtile Körper beschreibt keine zweite Anatomie im heutigen medizinischen Sinn. Er besteht nicht aus Organen, Blutgefäßen oder Nerven, die man bei einer Operation finden könnte. Er beschreibt vielmehr eine andere Ebene menschlicher Erfahrung.4

Zu diesem Modell gehören Begriffe wie Prana, Nadis, die Chakren und in bestimmten tantrischen und yogischen Traditionen auch Kundalini. Diese Begriffe stehen nicht unabhängig nebeneinander, sondern bilden innerhalb solcher Vorstellungen ein zusammenhängendes System. Erst innerhalb dieses Zusammenhangs wird verständlich, welche Bedeutung Chakren in diesen Traditionen hatten.4, 5

Prana

Häufig wird Prana schlicht mit „Energie“ übersetzt. Dadurch entsteht schnell der Eindruck, die indischen Traditionen hätten eine bislang unbekannte physikalische Energieform entdeckt, die durch den Körper strömt.

Prana hängt sprachlich und inhaltlich eng mit Atem und Leben zusammen. In den unterschiedlichen indischen Traditionen kann der Begriff verschiedene Bedeutungen annehmen. Er bezeichnet Lebenskraft, Lebenshauch oder unterschiedliche Funktionen des lebendigen Organismus.3, 4 Er gehört zu einem historischen Modell, mit dem Menschen Lebensvorgänge und innere Erfahrungen beschrieben und ordneten.

Nadis

Innerhalb dieses Modells bewegt sich Prana durch sogenannte Nadis. Diese sind nicht mit Nerven oder Blutgefäßen gleichzusetzen. Sie gehören zur subtilen Körpervorstellung. Verschiedene Texte nennen unterschiedliche Zahlen und beschreiben unterschiedliche Systeme. Besonders bekannt wurden später drei Bahnen: Ida, Pingala und Sushumna.4, 5

Während Sushumna die zentrale Achse bildet, verlaufen Ida und Pingala als flankierende Bahnen auf der linken und rechten Körperseite. In den historischen Texten wurden sie vor allem mit dem Atemfluss durch die beiden Nasenlöcher und den kosmischen Prinzipien von Mond (Kühle, Ida) und Sonne (Hitze, Pingala) verbunden. Ziel der tantrischen Atem- und Meditationspraxis war es, das Wechselspiel dieser beiden Außenbahnen zu harmonisieren, damit die Lebensenergie in die zentrale Sushumna eintreten kann.5, 6

Kundalini

In bestimmten tantrischen und späteren yogischen Systemen wird Kundalini als besondere Kraft beschrieben, die am unteren Ende des subtilen Körpers ruht. Häufig erscheint dafür das Bild einer zusammengerollten Schlange.5, 6

Durch bestimmte Formen von Meditation, Atemlenkung, Konzentration und yogischer Praxis soll diese Kraft erweckt werden und durch die zentrale Bahn aufsteigen. Dabei durchläuft sie die verschiedenen Chakren.5, 6

Das Ziel dieser Praxis war es nicht, möglichst viel „Energie“ in den Körper zu bekommen. Es ging vielmehr um eine tiefgreifende spirituelle Transformation.

Spirituelle Praxis

Chakren wurden in der Meditation gestaltet.

Heute werden Chakren häufig behandelt, als befänden sie sich schon fertig im Körper und müssten nur gefunden, geöffnet oder harmonisiert werden.

In tantrischen Praktiken wurden diese Zentren jedoch auch visualisiert, mit Mantras verbunden und im Rahmen bestimmter Übungen geistig hervorgebracht beziehungsweise erfahren. Der Körper wurde damit zu einer Art innerem Raum spiritueller Praxis.4, 6

Bestimmte Gottheiten konnten im Körper visualisiert werden. Bestimmte Laute wurden bestimmten Bereichen zugeordnet. Der eigene Körper konnte als Abbild einer größeren kosmischen Ordnung verstanden werden.4, 6

Das macht verständlicher, warum unterschiedliche Traditionen zu unterschiedlichen Chakrensystemen kamen. Wenn Chakren Teil einer bestimmten meditativen und symbolischen Praxis waren, mussten Zahl, Lage und Bedeutung der Zentren nicht überall gleich sein.

Wenn man sich die historischen Beschreibungen genauer ansieht, wird noch etwas deutlich: Ein Chakra besitzt dort nicht lediglich eine Position. Es kann eine bestimmte Anzahl von Lotusblättern haben. Auf diesen Blättern können Sanskritlaute erscheinen. Ihm können ein Element, geometrische Formen, eine Gottheit, ein Mantra oder weitere symbolische Inhalte zugeordnet sein.6

Das Chakra ist damit ein komplexes Meditationsbild. Der Mensch richtet seine Aufmerksamkeit nicht einfach auf eine Körperstelle. Er verbindet diese Körperregion mit einer ganzen Bedeutungswelt.4, 6

Das ist für unsere heutige Betrachtung wichtig. Denn damit wird verständlich, warum man vorsichtig sein sollte, wenn aus einem solchen symbolischen System nachträglich eine vermeintliche Anatomie gemacht wird. Ein Lotus mit einer bestimmten Zahl von Blütenblättern lässt sich ebenso wenig anatomisch nachweisen wie ein darin visualisiertes Sanskritzeichen oder eine Gottheit.

Aus einer vielfältigen spirituellen Praxis wurde in der Moderne oft ein übersichtliches Sieben-Chakren-Schema: vereinfacht und von vielen ursprünglichen Zusammenhängen gelöst.

Literatur, Studien und Primärtexte

Quellen.

Die hochgestellten Zahlen im Text führen direkt zur jeweiligen Quelle.

6 Quellen anzeigen
  1. 1. Kurt Leland: Rainbow Body: A History of the Western Chakra System from Blavatsky to Brennan. Ibis Press, Lake Worth, 2016. Umfangreiche historische Rekonstruktion der westlichen Chakrenlehre, insbesondere der Entwicklung des Sieben-Chakren-Schemas, der Regenbogenfarben sowie der späteren Zuordnungen zu Drüsen, Psyche und weiteren Lebensbereichen. WorldCat
  2. 2. Anodea Judith: Eastern Body, Western Mind: Psychology and the Chakra System as a Path to the Self. Überarb. Ausgabe, Celestial Arts / Ten Speed Press, 2004. Repräsentative Primärquelle für die moderne Verbindung des Chakrensystems mit westlicher Psychologie, Entwicklungsmodellen, Sexualität, Selbstbild und weiteren psychologischen Lebensthemen. Penguin Random House
  3. 3. Monier Monier-Williams: A Sanskrit-English Dictionary. Clarendon Press, Oxford, 1899. Digitale Ausgabe: Cologne Digital Sanskrit Dictionaries, Universität zu Köln. Lexikographischer Beleg für die älteren Bedeutungen von cakra als Rad, Kreis oder Scheibe sowie für vedische Belegstellen; prana wird unter anderem mit Atem, Lebenshauch und Leben verbunden. Cologne Digital Sanskrit Dictionaries
  4. 4. Glen A. Hayes: „Esoteric Physiology and Subtle Body Systems“, in: Richard K. Payne / Glen A. Hayes (Hrsg.), The Oxford Handbook of Tantric Studies. Oxford University Press, 2023, S. 197–224. Wissenschaftliche Übersicht zu den zahlreichen hinduistischen und buddhistischen Systemen des subtilen Körpers, zu Chakren, Visualisation und Kundalini sowie zu ihrer Einbettung in konkrete religiöse und rituelle Systeme. Oxford Academic
  5. 5. Geoffrey Samuel: „Subtle bodies, longevity and internal alchemy“, in: The Origins of Yoga and Tantra: Indic Religions to the Thirteenth Century. Cambridge University Press, 2008, S. 271–290. Historische Untersuchung zur Entstehung subtiler Körpermodelle mit Nadis, Chakren und zentralem Kanal sowie zu ihrer Funktion innerhalb tantrischer und yogischer Praktiken. Cambridge University Press
  6. 6. Arthur Avalon (Sir John Woodroffe): The Serpent Power: Being the Shat-Chakra-Nirupana and Paduka-Pancaka. Luzac & Co., London, 1919. Frühe englische Übersetzung und Kommentierung des Shat-Chakra-Nirupana von Purnananda. Primärquelle für das dort beschriebene System aus sechs Zentren, Sahasrara, Kundalini, Lotusblättern, Lauten, Mantras, Elementen und Gottheiten. WorldCat

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