Selbstverständlich und gesellschaftlich anerkannt sind Orte des Sports, der Leistung und des Wettbewerbs, in denen Energie abgebaut wird: das Fitnessstudio, die Fankurve im Stadion oder die sprichwörtliche „Garage“, in der man arbeitet, um im Tun zu verschwinden.
Auch der Rückzug hat seinen Platz, das Alleinsein, das Für-sich-Sein. Doch oft geschieht er mit Kopfhörern im Ohr, etwa beim Joggen. Und selbst die Aufmerksamkeit für den eigenen Körper kommt dann nicht von innen, sondern von außen: Die Smartwatch misst Puls, Tempo und Schlaf und zeigt, was sich noch optimieren lässt. Erkennst du dich darin wieder? Was dabei kaum vorkommt, sind Orte, an denen du einfach da sein darfst, ohne Aufgabe, Rolle oder Erwartung.
Ein weiterer Ort hat keine Wände: das Bild davon, was ein „richtiger“ Mann ist. Es beschreibt ihn fast immer in Bezug auf eine Frau, auf Ehe und Kinder, gegründet auf religiöse und gesellschaftliche Vorstellungen. Das gibt Sicherheit und das Gefühl von Normalität und Richtigkeit. Wer diesen Ort verlässt, verliert diese Sicherheit.
Genau das erlebst du, wenn du beginnst, dir Frei-Räume zu nehmen: Du wirst oft vorschnell als zu weich oder zu wenig zielgerichtet eingeordnet, argwöhnisch beäugt und beurteilt, manchmal sogar moralisch verurteilt. Sobald es zusätzlich um Nähe, Körper oder Berührung geht, besonders von Mann zu Mann, zeigt sich dieses Männerbild noch deutlicher: Einem Mann, der sich von einem anderen Mann berühren lässt, wird schnell unterstellt, schwul zu sein, und das ist als Abwertung gemeint.
Diese Abwertung sagt mehr über dieses Bild aus als über den Mann selbst. Doch sie wirkt: Was eigentlich die Möglichkeit bieten könnte, sich aus vorgegebenen Räumen herauszuziehen, gewissermaßen leer zu werden und sich in einem neuen Raum selbst neu zu begegnen und zu entdecken, wird zu etwas, wofür man sich rechtfertigen soll.
Ich kenne dieses Bild von innen und ein Stück weit auch von außen. Als schwuler Mann habe ich nie ganz hineingepasst, und gerade das hat mich gezwungen, es zu hinterfragen: die Glaubenssätze, mit denen ich aufgewachsen bin, das Bild, das die Kirche vom Körper hat, das verzerrende Männerbild meiner Kindheit, meinen Weg in die Selbstständigkeit und meine eigenen Rollen.
Diese Auseinandersetzung hat Jahrzehnte gedauert und endet auch heute nicht. Heute kann ich mich außerhalb vieler dieser Etiketten bewegen. Viele Männer sind mit einer überlieferten und schablonenartigen Vorstellung von Männlichkeit aufgewachsen und hatten nie einen Anlass, dieses Bild infrage zu stellen. Es galt ja als das allgemeingültige und richtige. Diesen Blick von außen bringe ich mit, wenn du zu mir kommst.