Die Zuschreibungen für das Wesen der Frau sind zärtlich, umhüllend und fast literarisch. Sie erzählen von etwas Kostbarem. Der Mann dagegen wird eher mechanistisch gedacht. Zwar kennt das Tantra auch für den Penis ein paar Bilder, etwa Vajra, den Donnerkeil, oder Mani, das Juwel.6 In der Tantra-Massage, wie ich sie kennengelernt habe, spielen sie aber kaum eine Rolle, und der Donnerkeil ist ursprünglich eine Waffe. Die Prostata heißt in Tantra-Kreisen auch „heiliger Punkt“4, im allgemeinen Sprachgebrauch aber meist „männlicher G-Punkt“, ein Name, der vom weiblichen Körper ausgeliehen ist, als bräuchte männliche Lust einen Vergleich, um anerkannt zu werden. Und der Damm, die Stelle zwischen Hoden und Anus, heißt „Millionen-Dollar-Punkt“.16 Das klingt fast kommerziell, beinahe kapitalistisch. Es beschreibt nicht, was ein Mann dort spürt, sondern was dieser Punkt bringt. Das klingt nach Resultat, nach Zielgerichtetheit und Bilanz.
Wie deutlich dieser Unterschied ist, habe ich in den Unterlagen eines meiner eigenen Kurse wiedergefunden. Die Griffe an der Frau heißen dort „Die Blume öffnen“, „Betreten des Tempels“ und „Verschließen der Blume“. Die Griffe am Mann heißen „Lingam Playing“, „Juicer“, beschrieben wie das Auspressen einer Orange, und „Screwdriver“, also Schraubenzieher.12
Andere Schulen gehen einen anderen Weg und geben dem ganzen Körper poetische Namen, Männern wie Frauen. Da gibt es den „Berg der verborgenen Schätze“ am Kreuzbein und das „Tor der Sterblichkeit“ am Damm, und die Genitalien beider Geschlechter werden als „Drache“ angesprochen. Doch selbst dort fällt etwas auf: Die Frau hat einen „Venushügel“, der Mann einen „Marshügel“. Sie bekommt die Göttin der Liebe, er den Gott des Krieges.7, 12
Mir scheint, die Sprache spiegelt ziemlich genau, wie Frauen und Männer in unserer Gesellschaft noch immer gesehen werden. Die Frau: zärtlich, empfangend, umhüllend. Der Mann: einer, der macht, der tut, der leistet, der kämpft, der erobert. Selbst dort, wo es um seine Lust geht, bleibt die Sprache eindeutig, klar und zweckmäßig.