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Zwei Männer mit sandgrauen Leinentüchern um die Hüften knien sich auf einer weißen Bodenmatratze in einem sonnigen Raum gegenüber, die Hände auf den Knien; daneben ein Olivenbäumchen am Fenster.

Lunghi

Mit oder ohne.

Trägt der Masseur bei der Tantra-Massage ein Tuch um die Hüften oder nicht? Die Frage berührt Rolle, Ritual, Energie und Haltung.

Michael Köllner · 2. November 2026

Ein weißes Leinentuch liegt achtlos abgelegt am Rand einer weißen Bodenmatratze, daneben ein gefaltetes senfgelbes Tuch; rechts tritt ein nackter Fuß auf den Holzboden, Blätterschatten fallen auf das Leinen.

Das Ritual

Vom Alltag auf die Matratze.

Bevor sich unsere Körper begegnen, begegnen wir uns in Worten. Du kommst an, wir setzen uns zusammen, noch angezogen, so wie wir beide aus unserem Alltag kommen, und nehmen uns Zeit füreinander.

Im Vorgespräch erzählst du mir, was dich zu mir führt, was du dir wünschst und was du lieber nicht möchtest. Ich erzähle dir, was dich erwartet. Schon dabei verändert sich etwas: Der Kopf wird ruhiger, der Atem langsamer, und du kommst hier an.

Dann gehst du unter die Dusche. Mit jedem Kleidungsstück, das du ablegst, lässt du ein Stück Alltag hinter dir, und das warme Wasser nimmt mit, was du von draußen mitgebracht hast. Auch ich dusche und bereite mich auf dich vor. Danach legen wir uns beide ein Lunghi um, ein großes Leinentuch, das uns noch ein wenig umhüllt.

Auf der Matratze legst du dich nackt hin, und ich decke dich wieder mit deinem Lunghi zu. Mein eigenes lege ich ab. Dieser Moment hat etwas von: Jetzt beginnt es. Jetzt wird es körperlich. Nichts ist mehr zwischen uns, was trennt. Keine Hülle, sondern die pure Reaktion des Körpers. Ein Ablegen jeder gesellschaftlichen Scham.

So führt ein Schritt behutsam zum nächsten, vom Gespräch über das Wasser bis zur Berührung. Was dann beginnt, ist eine andere Begegnung. Eine Begegnung ohne Worte.

Mit Tuch

Was für das Tuch spricht.

Vielleicht fragst du dich jetzt: Muss das so sein? Muss der Masseur nackt sein?

Nein. Dass ich mein Tuch ablege, ist mein Weg, aber er ist nicht selbstverständlich. Viele Masseure lassen ihr Lunghi an, manche nur zu Beginn, andere während der ganzen Massage. Auch ich habe so angefangen. In der Praxis, in Ausbildungen und in den verschiedenen Tantra-Richtungen wird darüber unterschiedlich gedacht, vom klassischen Tantra bis zur Gay-Tantra-Massage.

Und es gibt gute Gründe für das Tuch. Vielleicht erkennst du dich in dem einen oder anderen wieder:

  • Klare Rollen: Trage ich als Masseur ein Lunghi, ist sichtbar und spürbar: Ich bin der, der gibt, der dich hält und für dich da ist. Du bist der, der empfängt. Ich halte den Raum und begleite dich durch deinen Prozess. Das kann dir helfen, dich ganz in die Rolle des Empfangenden fallen zu lassen, ohne das Gefühl, in eine gegenseitige sexuelle Begegnung zu geraten.
  • Der Fokus bleibt bei dir: Bin ich bekleidet, bleibt der Blick bei dir. Mein Körper lenkt dich nicht ab, und deine Aufmerksamkeit kann ganz bei dir bleiben: bei deinem Körper und bei dem, was in dir geschieht.
  • Eine niedrigere Hemmschwelle: Vielleicht ist es deine erste Tantra-Massage, und du bringst Berührungsängste oder Scham mit. Dann kann es dich überfordern, wenn wir beide nackt sind. Ein Tuch schafft einen geschützteren Rahmen und kann dich entlasten.
  • Wärme und Praktisches: Ein Lunghi ist auch ganz praktisch. Ich kann damit Körperteile zudecken, die ich gerade nicht massiere, damit dir warm bleibt. Ich kann überschüssiges Öl abwischen oder den Körperkontakt steuern.

Ohne Tuch

Was dagegen spricht.

Und wie ist es, wenn auch der Masseur nackt ist? Vielleicht stellst du dir das zuerst ungewohnt vor, vielleicht sogar ein wenig beunruhigend.

Doch gerade darin kann etwas Befreiendes liegen. Wenn beide nackt sind, gibt es kein Oben und kein Unten mehr. Keiner kann sich verstecken, und keiner betrachtet den anderen von außen. Du liegst nicht allein entblößt da, sondern ihr begegnet euch so, wie ihr seid.

Deshalb gibt es genauso gute Gründe, das Tuch abzulegen:

  • Radikale Augenhöhe: Wenn wir beide nackt sind, begegnen wir uns auf Augenhöhe. Da ist nicht mehr der Behandler auf der einen Seite und der Kunde auf der anderen. Mit der Kleidung legen wir beide auch unsere Alltagsrollen und unseren Status ab. Und du musst nicht nackt vor jemandem liegen, der angezogen ist, und dich dabei unterlegen oder ausgestellt fühlen.
  • Fließende Übergänge, Körper an Körper: Ohne Tuch kann ich dich viel natürlicher und intensiver berühren. Nicht nur mit den Händen, sondern auch mit den Unterarmen, den Oberschenkeln, mit meinem ganzen Körper, in langen, fließenden Streichungen. Ein Lunghi ist dabei oft im Weg: Es verrutscht, saugt das Öl auf, wird warm und nass und steht wie eine Barriere zwischen uns.
  • Scham verliert ihren Platz: In der Tantra-Massage wird Nacktheit nicht bewertet. Bin ich als Masseur auch nackt, sage ich dir damit ohne Worte: Nacktheit ist etwas Natürliches. Hier gibt es nichts zu verstecken und nichts zu bewerten. Du musst nicht perfekt sein, und ich bin es auch nicht.
  • Keine Rüstung: In der Gay-Tantra-Massage geht es um die Begegnung von Mann zu Mann, um Nähe und um männliche Energie. Wenn wir beide nackt sind, trägt keiner von uns eine Rüstung aus Stoff. Die Begegnung wird ehrlicher, ungefilterter und intensiver. So entsteht eine ursprüngliche, ungekünstelte Nähe.

Die Wahl hängt am Ende von der Haltung des Masseurs ab, von der Art seiner Arbeit und von den Bedürfnissen seiner Gäste.

Die Hülse

Ein Lunghi kann vieles bedeuten.

Für mich ist ein Lunghi wie eine Hülse. Je nach Moment kann ich sie mit einer anderen Bedeutung füllen, und manchmal ändert sich diese Bedeutung sogar während einer Massage.

Manchmal steht das Tuch für Abgrenzung. Wenn ich spüre, dass ich etwas mehr Abstand brauche, um gut bei mir zu bleiben, lasse ich es an. Steigen erotische Gefühle in mir auf, kann es mich erden und mich sanft daran erinnern, wo mein Platz ist: Ich bin dein Masseur, und ich bleibe bei dir. Ich nehme wahr, was mich erregt, aber ich lasse es dabei bewenden.

Es kann mich auch schützen, an Tagen, an denen ich mich selbst nicht ganz wohl in meiner Haut fühle, körperlich oder seelisch. Denn wenn ich nackt massiere, verschmelze ich recht stark mit dir, und der Energiefluss zwischen uns kann sehr kräftig werden.

Und ich kann das Tuch jederzeit ablegen. Manchmal spüre ich mitten in der Massage, dass es mir jetzt gut geht und ich bereit bin, tiefer in den Fluss einzutauchen. Genauso kann ich jederzeit entscheiden, bestimmte Körperkontakte wegzulassen. Ich achte darauf, was für mich stimmt, damit es auch für dich stimmen kann.

Nahaufnahme: Ein Mann mit sandgrauem Leinentuch um die Hüften hält ein gefaltetes sandgraues Leinentuch in beiden offenen Händen wie eine Schale; Blätterschatten auf Haut und Stoff.

Bei mir

Warum ich es nackt bevorzuge.

Ich möchte dir auf Augenhöhe begegnen. Ich sehe dich in deiner Nacktheit, mit deinen schönen und unschönen Seiten. Du sollst das bei mir auch sehen.

Meine ersten Massagen habe ich noch mit Lunghi gegeben. Doch relativ bald habe ich Griffe dazugenommen, die körpernäher und intensiver sind und die ohne Tuch einfach besser funktionieren. Als ich das Tuch dann weggelassen habe, habe ich sofort gespürt, wie sehr sich die Massage verändert.

Ohne Kleidung massiere ich ursprünglicher, direkter, purer, lebendiger. Der Fluss ist stärker. Ich bin ganz da, und nichts steht mehr zwischen meinem Körper und deinem. Mit dem Tuch fällt auch ein kleines Stück Abgrenzung weg, auch zu mir selbst als Gebendem. Nicht viel, aber ein bisschen.

Für mich ist das männlicher, körperlicher, näher, tiefer, stärker im Hier und Jetzt. Ich bin direkter verbunden mit deinen Gefühlen und Reaktionen und auch mit meinen eigenen.

Und ganz praktisch: Wenn ich eine Erektion bekomme, stört mich das Tuch eher, als dass es hilft.

Bei der Gay-Tantra-Massage gehört meine eigene Nacktheit noch stärker dazu. Dort sind Nähe, Körperkontakt und auch gegenseitiges Berühren bewusster Teil der Begegnung. Da macht es einen deutlichen Unterschied, ob ich angezogen bin oder nackt.

Deine Wahl

Du entscheidest mit.

Ob ich nackt bin oder nicht, entscheide ich nicht allein. Darüber sprechen wir im Vorgespräch in Ruhe, bevor irgendetwas geschieht.

Ich erzähle dir, dass ich bei der Tantra-Massage normalerweise nackt bin, und frage dich, ob das für dich in Ordnung ist. Wenn nicht, ziehe ich mir gern Shorts an oder lasse mein Tuch einfach an. Bisher hat, soweit ich mich erinnere, kein einziger Mann abgelehnt. Für manche war es neu, und sie wollten sich einfach darauf einlassen.

Vielleicht bist du unsicher, kommst zum ersten Mal, schämst dich oder hast schlechte Erfahrungen gemacht. Dann sag es mir einfach. Das ist überhaupt kein Problem, und ich bleibe bekleidet. Du musst dich dafür nicht rechtfertigen. Ich möchte aber auch ehrlich zu dir sein: Selbst mit Tuch kann es sein, dass ich eine Erektion bekomme, und vielleicht siehst oder spürst du das. Dann halte ich mich zurück und komme dir nicht so nah.

Im ersten Teil der Massage berühren dich ohnehin nur meine Hände. Meist hast du die Augen geschlossen und nimmst mich kaum wahr. Ich sage dir vorher, was auf dich zukommt. Und wenn dir irgendetwas zu nah ist, kannst du es jederzeit sagen, auch mitten in der Massage.

Ein Mann liegt auf dem Bauch auf einer weißen Bodenmatratze, ein weißes Leinentuch über den Hüften; ein zweiter Mann mit sandgrauem Leinentuch kniet neben ihm und legt ihm ruhig die Hand auf den Rücken.
Ein Mann in weißem Leinenhemd und heller Leinenhose sitzt barfuß in einem Korbstuhl am sonnigen Fenster und schaut hinaus; neben ihm liegen auf einem Holzhocker gefaltete Tücher in Sandgrau und Senfgelb bereit.

Nachgedacht

Legen wir mit der Kleidung unsere Rolle ab?

Das hört man immer wieder: Wer sich auszieht, legt auch seine Rolle ab. Doch wenn man genau hinschaut, sind wir nie ganz ohne Rolle. Wir schlüpfen nur in eine andere.

Und doch lege ich etwas ab, wenn ich nackt bin: den Alltag und all die anderen Rollen, die ich sonst habe.

Manchmal heißt es auch, eine Tantra-Massage ohne Tuch sei authentischer. Doch was bedeutet das überhaupt, authentisch? In meiner Massageausbildung habe ich mit Tuch gelernt, in anderen Richtungen wird ganz selbstverständlich nackt massiert. Ist das eine echter als das andere?

Ich finde, „authentisch“ kann auch ein trügerisches Wort sein. Wenn ein Masseur sagt, er massiere ohne Tuch authentischer, kann sich dahinter auch etwas anderes verbergen: der Wunsch, mehr von seiner eigenen Lust auszuleben. Da lohnt es sich, genau hinzuschauen, für ihn selbst und für dich als Gast.

Ich kann nur von mir sprechen. Wenn ich nackt bin, bin ich stärker in meinem eigenen Körper und in meinem eigenen Fluss. Ob das authentischer ist, weiß ich nicht. Aber es fühlt sich für mich ehrlicher an.

Mit oder ohne Tuch?

Nichts muss.
Alles darf.
Du bestimmst.

Was für dich stimmt, besprechen wir vorher in Ruhe.

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