Michael
Ich weiß um die große Gefahr, die entstehen kann, wenn Menschen sich körperlich sehr nahe kommen. Ich selbst habe Missbrauch erlebt und mich über mehr als vierzig Jahre durchgehend mit diesem Thema auf professionellem Weg auseinandergesetzt und reflektiert. Ich weiß deshalb, wie sehr die Arbeit als Körperarbeiter eine Gratwanderung sein kann.
Als Masseur muss ich mir permanent bewusst sein, welche Verantwortung ich trage. Das ist eine große Kunst. Sie erfordert sehr viel Empathie, Herzenswärme, Verständnis, Aufmerksamkeit, Feinfühligkeit. Sie verlangt, sich selbst immer wieder zurückzunehmen und zu fragen: Sind das gerade meine eigenen Motivationen oder geht es wirklich um den Klienten? Was geschieht während einer Massage? Was wird gespiegelt? Was geschieht in den Gesprächen? Und wie ordne ich das richtig ein? In diesem Sinne ist diese Arbeit für mich auch eine herausfordernde psychologische Tätigkeit.
Gerade auch deshalb halte ich Klarheit für absolut wegweisend - für den Klienten wie auch für mich als Gebenden. Ein Gast muss zu mir kommen können und sich von Anfang bis Ende sicher fühlen. Er muss jederzeit das Gefühl haben: Ich bin Herr über mich selbst. Ich darf sagen, was ich empfinde. Ich darf sagen, was ich möchte und was ich nicht möchte. Wenn dagegen jemand einen Raum betritt, der bereits mystisch aufgeladen ist, kann etwas ganz anderes passieren: der Gast kann erstarren oder unwillkürlich in eine Haltung der Ehrfurcht geraten. Vielleicht entsteht sogar die Angst, sich in diesem Rahmen falsch ausdzudrücken oder zu verhalten.
Und genau diese Reaktion hat für mich in einer solchen Sitzung nichts zu suchen.
Ein Gast kommt zu mir und bringt das mit, was gerade in seinem Leben vorhanden ist. Ich möchte nicht, dass er einen Raum betritt und ihm zunächst irgendein Ehrfurchtsgefühl übergestülpt wird, sodass er womöglich gar nicht mehr richtig an seine eigenen Gefühle herankommt.
Im Grunde biete ich einen Rahmen mit Regeln und vor allem einen Raum. Und dieser Raum muss leer sein, damit der Klient ihn mit sich selbst füllen kann. Erst dann kann etwas entstehen. Erst dann geht es wirklich um ihn.
Gerade diese vielen Versatzstücke finde ich deshalb problematisch. Oft ist es ja nicht einmal eine bestimmte spirituelle Richtung. In einem Raum werden unterschiedliche Gegenstände, Worte, Gesten und Traditionen miteinander vermischt. Mir fehlt darin die Klarheit für den Gast. Und ich stelle die innere Geklärtheit des Masseurs in Frage.
Diese Klarheit brauche ich auch in der Sprache. Gerade, wenn es um Sexualität, Nähe und Erotik geht, muss Sprache offen, angstfrei, quasi schamlos und verständlich sein. Deshalb tue ich mich auch mit einem Begriff wie 'Lingam' schwer. Ich verstehe wahrscheinlich den Gedanken dahinter: Dieses Körperteil soll möglicherweise aufgewertet und aus einem schambesetzten, medizinischen oder vulgären Zusammenhang herausgeholt werden. Aber meine Gegenfrage wäre: Ist es denn überhaupt - so pauschal für alle Männer - abgewertet? Einen Arm oder meine Finger benenne ich schließlich auch nicht neu, um ihnen mehr Wert zu geben. Warum darf der Penis nicht Penis genannt und diese Bezeichnung mit Würde, Ehrerbietung und Sinnhaftigkeit gefüllt werden?
Ich möchte etwas anderes. Ich möchte, dass Menschen zu mir kommen und ohne Angst und Scham direkt über sich sprechen können. Ich möchte, dass Menschen lernen, zu sich selbst zu stehen und das aussprechen können, was sie in ihrem sonstigen sozialen Leben oder vielleicht auch in ihren Partnerschaften nicht zu sagen wagen. Kein unter den Teppich kehren, kein drumherum fabulieren müssen. Nein, Worte aussprechen, wie sie den Gästen in den Sinn kommen, vertraut und ihnen am nahesten sind. Dafür ist der Raum da. Und dafür brauche auch ich eine direkte Sprache ohne Verschleierung durch Wörter, die nichts mit dem Westen zu tun haben.