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Ein Mann in weißem Leinenhemd und sandgrauen Leinenshorts steht in einem sonnigen Raum, greift an den Hosenbund und schaut besorgt nach unten; im Hintergrund eine weiße Bodenmatratze mit senfgelbem Tuch und ein Olivenbäumchen am Fenster.

Die Last mit der Lust

Wenn die Lust Pause macht.

Sie gleicht einem Gradmesser und reagiert unglaublich fein auf das, was körperlich wie seelisch in uns geschieht.

Michael Köllner · 5. November 2026

Ein Mann in weißem Leinenhemd sitzt barfuß auf der Kante einer weißen Bodenmatratze und schaut nachdenklich aus dem Fenster; neben ihm ein Olivenbäumchen und ein senfgelbes Tuch.

Ganz natürlich

Das Verlangen kommt in Wellen.

Je älter ich werde, desto deutlicher spüre ich, wie sensibel mein Verlangen auf äußere und innere Umstände reagiert. Und ich vermute, dass es nicht nur mir so geht.

Vielleicht kennst du das auch? Kein Verlangen zu spüren, ist unter uns Männern wahrscheinlich viel verbreiteter, als wir denken. Nur spricht kaum einer darüber. Denn viele von uns tragen tief in sich die Selbstverständlichkeit, dass Lust immer da ist, jederzeit verfügbar. Sie gehört zum Kern unserer Männlichkeit. Kommen dann Phasen, in denen sie sich nur ab und an von Weitem zeigt oder ganz fehlt, empfinden wir das schnell als beunruhigend, als etwas, um das wir uns kümmern müssen. Hauptsache, sie kommt wieder zurück, wie ein guter Freund, der uns ein Leben lang zuverlässig zur Seite steht.

Wer hat eigentlich die Messlatte definiert: Ab wann gilt unser sexuelles Verlangen als normal? Wenn wir einmal am Tag Lust empfinden? Alle drei Tage, einmal in der Woche oder in noch größeren Abständen? Ist das ein gesellschaftlich normierter Wert? Der Begriff passt hier wunderbar, denn im Wort „Wert“ steckt automatisch die „Wertung“. Die Benennung einer bestimmten Anzahl oder Häufigkeit transportiert so immer auch ein „Besser“ oder ein „Weniger gut“.

Was fehlt, ist Aufklärung: ein Grundwissen über die Dinge, die wohl die meisten Menschen im Laufe ihres Lebens erfahren werden. Niemand bringt uns Männern das bei. Über die Lust in der Jugend wird gesprochen, über ihre Veränderungen in späteren Jahren kaum. Würden wir natürlicher, offener, angst- und schamfreier darüber sprechen, wüssten viel mehr Männer davon, und diese Veränderungen bekämen etwas Selbstverständliches. Schwankungen der Lust würden dann nicht mehr als defizitär gelten. Und das Gefühl, das so viele Männer quält, würde vielleicht leiser: Mit mir stimmt etwas nicht. Alle anderen können noch, nur ich nicht.

Das Lustempfinden ist in permanentem Wandel begriffen, bei jedem von uns anders. Und mit ihm verändert sich oft auch das, was daraus wird, wenn die Lust zu einer Begegnung führt. Beim Sex geht es mit der Zeit vielleicht mehr von der Quantität zur Qualität. Müssen wir uns dann überhaupt darum kümmern, dass er wieder öfter stattfindet? Er findet seltener statt. Aber wenn die Lust zu einer sexuellen Begegnung führt und diese zutiefst erfüllend ist, zehren wir tagelang davon. Damit könnten wir zufrieden sein und unser Kopf doch eigentlich auch.

Was die Forschung sagt

Wie Lust entsteht.

Lust beginnt nicht im Penis, sondern im Kopf. Genauer gesagt in einem feinen Zusammenspiel verschiedener Bereiche deines Gehirns.

Ein Bereich tief im Inneren deines Gehirns, der Hypothalamus, ist so etwas wie die Schaltzentrale. Er verbindet die sexuelle Motivation mit den Hormonen und steuert über das Rückenmark auch die Erektion. Die Amygdala bewertet gefühlsmäßig, ob dich etwas anzieht. Das Belohnungssystem, angetrieben vom Botenstoff Dopamin, erzeugt das Wollen, dieses „Ja, das will ich“. Die Insula macht dir bewusst, was in deinem Körper geschieht, auch, dass dein Penis anschwillt. Und dein Stirnhirn bewertet, wägt ab und kann die Lust bremsen. Dort entscheidet sich, ob du dich einlassen kannst oder ob Sorgen, Kontrolle und die Angst, nicht zu genügen, die Oberhand behalten.1

Dazu kommen Hormone und Botenstoffe. Testosteron ist wichtig für Lust und Erektionsfähigkeit. Serotonin bremst eher, weshalb manche Antidepressiva die Lust dämpfen. Und nach einem Orgasmus sorgt Prolaktin dafür, dass die Lust erst einmal gestillt ist.1

Für dieses Zusammenspiel aus Antrieb und Hemmung haben Forscher am Kinsey-Institut ein einfaches Bild gefunden: Jeder Mensch hat ein Gaspedal und eine Bremse.2 Das Gaspedal ist deine Erregbarkeit, alles, was dich in Fahrt bringt. Die Bremse ist alles, was dich hemmt. Lust entsteht, wenn das Gas stärker ist als die Bremse. Bremsen gibt es unzählige. Die Forscher fassen sie in zwei große Gruppen: die Angst zu versagen, also die Frage „Was, wenn es nicht klappt?“, und die Angst vor Folgen von außen, etwa erwischt oder verurteilt zu werden.

Das Spannende daran: Gas und Bremse sind bei jedem Menschen anders eingestellt. Manche Männer haben ein empfindliches Gaspedal, andere eine empfindliche Bremse. Stress tritt bei den meisten auf die Bremse, bei manchen steigert Anspannung die Lust sogar. Die Messlatte, nach der wir am Anfang gefragt haben, gibt es also nicht. Und die Bremse ist nichts Schlechtes. Sie schützt uns: vor Situationen, die sich nicht sicher anfühlen, vor Menschen, denen wir nicht trauen, und davor, uns zu verausgaben, wenn der Körper seine Kraft gerade für anderes braucht.

Außerdem kommt Lust nicht immer spontan, wie aus heiterem Himmel. Oft entsteht sie erst unterwegs, durch Berührung, Nähe und Stimmung. Sie antwortet dann auf etwas, statt von selbst da zu sein. Lange hieß es, diese Art der Lust sei typisch für Frauen, während Männer einfach von sich aus Lust hätten. Neuere Studien zeigen ein anderes Bild: Auch viele Männer wollen nicht immer von sich aus. Ihre Lust erwacht oft erst, wenn sie sich begehrt und verbunden fühlen.3

Und mit dem Alter verändert sich bei vielen Männern, wie oft und wie stark sich die Lust meldet, bei jedem anders. Oft heißt es, schuld sei das sinkende Testosteron. Eine große Studie mit über 1.700 Männern ab 70 Jahren fand aber: Bei Männern, deren Lust und sexuelle Aktivität nachließen, sank danach auch das Testosteron.4 Die Lust ließ also eher zuerst nach. Das Hormon ist damit nicht unbedingt die Ursache, sondern vielleicht sogar die Folge.

Ein Mann mit grau meliertem Haar und Leinentuch um die Hüften steht mit geschlossenen Augen an einer hellen Wand und legt eine Hand auf seine nackte Brust; Olivenblatt-Schatten fallen über Haut und Wand.
Ein Mann in weißem Leinenhemd sitzt mit geschlossenen Augen im Korbstuhl und drückt die Fingerspitzen an die Schläfen; auf dem Schoß ein Notizbuch, daneben Laptop und Handy auf einem Holzhocker.

Die Bremsen

Was der Lust im Weg steht.

Lust wird in Form von Verlangen erst spürbar, wenn das Gas stärker ist als die Bremse.

Deshalb lohnt sich ein Blick auf die Bremsen. Oft sind es mehrere zugleich, und oft merken wir gar nicht, wie fest wir draufstehen.

Stress und ein Kopf, der ständig denkt: Lust entsteht zwar im Gehirn, aber nicht im Denken. Wer seinen Körper vor allem vom Kopf aus steuert, wer plant, grübelt und kontrolliert, ist im Anspannungsmodus. Das Nervensystem schaltet auf Aktivität und Wachsamkeit, der Teil für Ruhe und Erholung kommt kaum zum Zug. In diesem Zustand hat der Körper andere Prioritäten als Lust. Stell dir vor, du müsstest fliehen und hättest gleichzeitig Lust auf Sex. Viel Spaß dabei. Und oft schaukelt sich das auf: Ein Mann bemerkt seine sexuelle Unlust, macht sich Sorgen, und genau diese Sorgen verstärken den Stress. Das erlebe ich bei meinen Gästen am häufigsten.

Druck und Erwartungen: Die Erwartung, Lust haben zu müssen, ist selbst eine Bremse. Ob sie von dir selbst kommt, von deinem Partner oder deiner Partnerin oder von der unsichtbaren Messlatte, was „normal“ ist: Je mehr Druck, desto fester steht der Fuß auf der Bremse.

Die Reparatur-Falle: Wir Männer laufen oft in dieselbe Falle. Irgendetwas scheint mit uns nicht zu stimmen, irgendetwas weicht von dem Bild ab, das wir von uns haben. Also suchen wir nach dem optimalen, schnellen Sechs-Punkte-Trainingsplan, um wieder dorthin zu kommen, wo wir vermeintlich einmal standen. Als müsste alles immer so bleiben, wie es einmal war. Ich kann gut verstehen, wenn es dir so ergeht. Doch genau das erzeugt Leistungsdruck, und der tritt wieder auf die Bremse.

Scham und Prägung: Was wir als Kinder und Jugendliche über Lust gelernt haben, wirkt oft ein Leben lang nach. Wurde Sexualität verschwiegen, belächelt oder mit Schuld verknüpft, oder ist sie durch Übergriffe, Schmerzen und Verletzungen belastet, kann die Bremse sehr tief sitzen. Dazu kommt ein verbreitetes, an der Realität vorbeigehendes Männerbild, das von uns verlangt, immer zu können und immer zu wollen.

Erschöpfung: Müdigkeit, zu wenig Schlaf und ein Körper, der dauernd am Limit läuft, lassen der Lust wenig Raum. Auch sehr viel Sport kann bremsen, obwohl er doch eigentlich das Testosteron anregt. Kurzfristig stimmt das. Wer aber über lange Zeit sehr intensiv Ausdauersport treibt, bei dem kann der Testosteronspiegel in Ruhe sogar sinken, und der Körper bleibt dauerhaft im Belastungsmodus.5 Solche Männer berichten häufiger von weniger Lust.6

Die Beziehung: Unausgesprochene Kränkungen, ständige Rücksicht oder das Gefühl, nicht begehrt zu werden, können die Lust leise ersticken. Und manchmal soll ein einziger Mensch alle Bedürfnisse erfüllen. Das überfordert beide, und Überforderung ist das Gegenteil von Lust. Lust lebt von Offenheit, vom Sich-überraschen-Lassen, von Dynamik und Wechselspiel. Davon, dass etwas reizvoll bleibt.

Körper und Medikamente: Auch Krankheiten, Hormone und manche Medikamente können die Lust dämpfen, etwa bestimmte Antidepressiva.1 Eine Pause der Lust ist meist kein Grund zur Sorge. Ärztlich abklären lassen solltest du es aber, wenn die Lust ohne erkennbaren Grund wegbleibt, wenn sie sich plötzlich deutlich verändert, wenn du neue Medikamente nimmst oder wenn andere Beschwerden dazukommen, etwa anhaltende Müdigkeit, Niedergeschlagenheit oder Erektionsprobleme.

Meistens ist es nicht eine einzelne Bremse, sondern ein Zusammenspiel. Und wer seine Bremsen kennt, kann freundlicher mit sich umgehen.

Staunen

Ein Loblied auf den männlichen Körper.

Wenn die Lust Pause macht, schauen wir schnell nur noch auf das, was nicht funktioniert. Dabei lohnt es sich, einmal zu staunen, wie großartig alles zusammenspielt.

Lust ist das, was du in dir spürst. Sex ist das, was daraus werden kann, mit dir allein oder mit einem anderen Menschen. Dabei kann dein Penis eine große Rolle spielen, aber auch andere Teile deines Körpers, um dich selbst oder den anderen zu erleben.

Und dann kann es vorkommen, dass du Lust verspürst und sich trotzdem nichts in der Hose regt. Dein Glied will sich der Lust nicht unterordnen. Und manchmal, etwa nachts, wächst es in die Höhe, ohne dass dir überhaupt Lust bewusst ist. Was wird daraus ersichtlich? Lust ist nicht dasselbe wie eine Erektion oder sexuelle Aktivität. Die Forschung bestätigt das: Bei Männern stimmen gefühlte Erregung und Erektion zwar recht gut überein, aber längst nicht immer.7

Lass uns doch einmal einen Blick auf deine prachtvolle Erektion richten (sofern ich das darf). Damit sich dein Glied aufrichten kann, muss dein Körper entspannen und loslassen können. Ist dein Penis schlaff, ist die Muskulatur in den Schwellkörpern in einem permanenten, leichten Anspannungszustand. Erst wenn sie nachgibt, kann Blut einströmen. Dafür sorgt der Teil des Nervensystems, der für Ruhe und Erholung zuständig ist. Der Höhepunkt dagegen wird vom aktivierenden Teil gesteuert. Gehirn, Nerven, Hormone, Blutgefäße und Muskeln greifen dabei so fein und perfekt ineinander, dass man vor Ehrfurcht nur staunen kann.

Dieses Zusammenspiel ist erstaunlich robust. Oft funktioniert es über Jahre verlässlich, trotz Stress, Schlafmangel, schlechter Ernährung, Rauchen, Alkohol und Sorgen. Und gleichzeitig ist es sensibel und verletzlich. Irgendwann läuft das Fass über, der Körper streikt, und dann regt sich manchmal gar nichts mehr. Kein Wunder, dass es dann zu einem Libidoverlust beim Mann kommt oder Erektionsprobleme auftreten.

Ein Vorurteil höre ich immer wieder: Männer funktionieren doch ganz einfach. Da fasst man an, und schon entsteht eine Erektion. Sie kommen, und dann gehen sie wieder. Kompliziert, vielschichtig und mystisch sei nur die Sexualität der Frau. Ich möchte dir mitgeben: Das ist verkürzt und stimmt nicht. Deine Sexualität als Mann ist enorm sensibel, vielschichtig und wunderbar fein von der Natur erdacht und gesteuert.

Wie verletzlich das ist, kenne ich sehr gut von mir selbst. Wochenlang spüre ich keine körperliche Lust, und dann kommt die Angst: Jetzt ist sie weg. Jetzt ist das Alter da und hat mich erwischt. Die Momente, in denen ich mich selbst als genießenswert empfinde, werden seltener, und alles wird routinierter, trockener, trauriger, öder und einsamer. Dabei habe ich schon so oft erlebt, dass die Lust irgendwann von selbst zurückkommt. Und trotzdem ist die Angst jedes Mal wieder da. Diese Gelassenheit mit mir selbst zu finden, ist nach wie vor herausfordernd.

Vielleicht kann es dir helfen, dir immer wieder bewusst zu machen, wie hochkomplex das Zusammenspiel aus Lust und Sexualität ist. Unter Umständen kann daraus so etwas wie Nachsicht mit dir selbst entstehen, etwas Verständnis für deine Lage. Deine Lust ist nichts, das du für immer besitzen oder verlieren kannst. Und dein Glied ist kein Werkzeug, das immer dann funktioniert, wenn du es vom Kopf her willst. Beides sind Teile von dir. Sie gehören zu dir und sind mal laut, mal leise.

Ein Mann in sandgrauen Leinenshorts liegt entspannt auf einer weißen Bodenmatratze, einen Unterarm über den Augen, die andere Hand auf dem Bauch; Notizbuch und Stift liegen beiseite auf dem Holzboden.

Ein anderer Blick

Lust lässt sich nicht planen.

Über fehlende Lust wird viel geschrieben, oft mit Schritten, Übungen und Lösungen, bis hin zu Anleitungen, wie man wieder mehr empfinden und seine Erregbarkeit trainieren kann.

Dabei werden immer wieder verschiedene Dinge vermischt. Lust ist nicht gleich Erregbarkeit, und Lust heißt nicht, mehr empfinden zu können. Lust ist die Basis, auf der Erregbarkeit, Erregung und Empfindungen überhaupt erst entstehen können. Der Blickwinkel stimmt nicht, auch weil die Ursache kaum in den Blick genommen wird.

Und was ist, wenn all diese Übungen und Anleitungen nicht funktionieren? Gehst du dann mit einem guten Gefühl daraus hervor? Oder denkst du: Mist, ich habe schon wieder versagt. Mein Körper macht einfach nicht mit. Was mache ich nur falsch?

Manches davon sehe ich deshalb anders:

Lust als Entscheidung? Mitunter heißt es, Lust sei eine bewusste Entscheidung. Das ist mir zu geradlinig und zu zielgerichtet. Etwas anderes ist es, sich bewusst Zeit für Nähe und Körperlichkeit zu nehmen: Heute Abend haben wir drei Stunden, wir treffen uns, sind einander nah und schauen, was geschieht. Das kann schon ein Aussteigen aus dem Kopf sein. Man gibt der Möglichkeit Raum, dass Lust entstehen kann, und beobachtet, was geschieht. Für manche funktioniert das gut. Bei anderen kann ein fester Termin für Nähe genau das Gegenteil bewirken. Wie würde es dir damit gehen? Hättest du im Hinterkopf, dass du eigentlich noch dies und das abarbeiten müsstest? Regt sich ein bisschen Lust, und schon denkst du, jetzt müsste es gleich zum Sex kommen, statt sie erst einmal einfach da sein zu lassen und zu genießen? Oder ist da die Angst, dass dein Penis nicht mitmachen könnte? Dann ist es mit der Leichtigkeit schnell vorbei.

Reden und spüren? Am Ende vieler Ratgeber steht die Beratung. Darüber zu sprechen, ist wichtig. Es ist schon ein großer Schritt, wenn ein Mann sich traut, über seine Lust zu reden, wenn er sich wichtig nimmt und sich für würdig hält. Dafür biete ich das Gespräch unter vier Augen an. Ein leichterer Weg zurück zur Lust ist aber oft, den Körper zu erleben, statt ihn zu erklären: zu beobachten und loszulassen, zum Beispiel in einer Tantra-Massage. Oder ganz für dich allein: Setz dich hin, atme, spüre, wie sich dein Fuß anfühlt. Leg deine Hand auf deinen Penis und schau, ob sich Lust rührt, als Gefühl, als sichtbare Regung, als Erektion. Oder eben nicht. Beides ist in Ordnung.

Es ist eben alles nicht so einfach, so klar und so gut planbar, wie es oft dargestellt wird.

Eine Einladung

Lust braucht Raum.

Wer von Termin zu Termin lebt, ständig im Kopf ist und hohe Ansprüche an sich selbst stellt, gibt der Lust kaum eine Möglichkeit, sich zu zeigen.

Aber genau hier liegt eine Chance für dich. Du kannst dich entscheiden, etwas zu verändern: weniger Stress, weniger Kopf, weniger Termine. Du kannst dein Anspruchsdenken und deinen Perfektionismus zurückschrauben und Verantwortung abgeben, die unter Umständen gar nicht die deine ist. Und du kannst jederzeit bewusst wieder mehr in deinen Körper gehen, mit Yoga, Atemübungen, beim Spazierengehen oder in einer Tantra-Massage. So kannst du deiner Lust einen reich gedeckten Tisch präsentieren und sie aus ihrem Mauseloch hervorlocken.

Lust wünscht sich Zeit, Sicherheit und Aufmerksamkeit von dir. Schenke ihr Aufmerksamkeit, so wie du dir auch die Aufmerksamkeit deines Partners wünschst. Fühlst du dich bei deinem Partner oder in deiner Situation sicher und geborgen, kannst du loslassen. Loslassen ist dabei ein wunderbares Bild: Wenn du in der Sexualität loslässt, kannst du dich deiner körperlichen Lust hingeben bis zum Höhepunkt. Du hältst das in dir wohnende Leben nicht zurück, du gibst etwas von dir her. Und danach darfst du müde sein, ohne dass sich jemand darüber mokiert oder dich gar unerwartet angreift oder verletzt.

Nicht immer lässt sich der Alltag so schnell ändern. Was aber, wenn gerade kein Raum und keine Zeit zur Verfügung stehen? Solltest du in Stresszeiten überhaupt krampfhaft versuchen, Lust herbeizuführen? Oder ist es mitunter einfach entspannender zu sagen: Gut, die fehlende Lust hängt jetzt mit meiner Situation zusammen, und sie kommt auch wieder zurück. Diese Akzeptanz kann sehr entlasten. Es ist im Moment so, wie es ist. Dein Körper ist klug. Und wenn wieder Raum dafür da ist, darf auch Sex wieder eine Rolle spielen.

Akzeptieren heißt dabei nicht, wegzuschauen oder sich keine Gedanken mehr zu machen. Es heißt, den Druck loszulassen, sofort etwas ändern zu müssen.

Könnte die fehlende Lust nicht sogar eine wichtige Aufgabe haben? Sie könnte wie ein Spiegel sein: Sie zeigt dir, dass deine Kräfte im Moment woanders gebraucht werden.

Vielleicht haben wir verlernt, auf unseren Körper zu hören und ihm zu vertrauen. Wir können nicht immer das leisten, was der Kopf sich wünscht.

Ich übe mich deshalb darin, meinem Körper zu vertrauen, dass die Lust wiederkommt, wenn der Tisch bereitet ist. Dass mir das nicht leichtfällt, hast du weiter oben gelesen. Was mir dabei hilft, ist das Wissen, dass stressige Projekte irgendwann abgeschlossen sind. Sobald sie fertig sind, fühlt sich das an wie ein Befreiungsschlag, und ich spüre wieder mehr körperliche Lust. Nicht immer, aber oft.

Mehr darüber, wie du aus dem Stressprogramm aussteigen kannst, findest du in meinem E-Book Aus dem Dauermodus aussteigen.

Ein Mann liegt mit geschlossenen Augen auf einer weißen Bodenmatratze, ein Leinentuch über den Hüften; ein zweiter Mann mit sandgrauem Leinentuch kniet neben ihm und legt ihm ruhig die Hände auf Brust und Bauch.

Bei mir

Was dich in der Tantra-Massage erwartet.

Bei mir bekommst du einen Raum, in dem deine Lust sich zeigen darf, aber nicht muss.

Du legst dich hin und darfst einfach schauen, was geschieht. Vielleicht hilft dir dieser Raum, Anteile in dir wieder zu beleben, die lange stillgelegen haben. Vielleicht zeigt er dir auch einfach, wo du gerade stehst. Erwarte nicht, dass deine Lust in der Massage zurückkommt. Erwarte lieber eine neue Erfahrung. Ich kenne das auch selbst, wenn ich eine Tantra-Massage empfange: Manchmal kann ich dabei ganz in meinen Körper eintauchen. Und manchmal zeigt mir die Massage, wie sehr ich gerade im Stress bin, und mein Körper sagt ganz klar: Pause, Ruhe, keine Lust. Auch das darf sein.

Deshalb sage ich im Vorgespräch: Deine Lust darf entstehen, aber sie muss es nicht. Und wenn sie kommt, muss daraus keine Erektion werden. Du musst dich nicht schämen, auch nicht vor mir. Und du musst mir nichts beweisen.

Du darfst dir alles wünschen. Manchmal dämpfe ich Wünsche ein wenig, weil aus einem Wunsch schnell eine Erwartung wird. Wie sich eine Massage entwickelt, kann niemand vorher sagen. Wer schon Massageerfahrung hat, weiß eher, was geschieht, hat mehr Vertrauen und kann oft leichter loslassen.

Aber sagen und fühlen sind zwei verschiedene Dinge. Ich kann das noch so oft sagen, und trotzdem meldet sich in manchem Mann eine andere Stimme.

Ich erlebe ganz unterschiedliche Männer, und jeder bringt seinen eigenen Weg mit. Vielleicht erkennst du dich in dem einen oder anderen wieder:

  • Ein Mann denkt die ganze Massage hindurch. Hinterher sagt er, er habe gut entspannen können, aber sein Kopf habe alles, was geschehen ist, durchgearbeitet. Auch das ist in Ordnung.
  • Bei einem anderen reicht schon der Gedanke „Jetzt müsste sich doch etwas regen“, und die Erektion ist weg. Im Vorgespräch lassen wir diese Erwartung los, und er beobachtet einfach. Dabei spürt er Bereiche seines Körpers, die er lange nicht gespürt hat.
  • Ein Mann nennt sich selbst einen Kontrollmenschen. Und dann kann er wider Erwarten in der Tantra-Massage sehr schnell und tief loslassen. Sein Atem und seine Muskeln reagieren von ganz allein.
  • Wieder ein anderer schreibt mir nach dem ersten Mal, er sei zu sehr im Kopf gewesen. Trotzdem will er wiederkommen.
  • Manchmal bricht ein Mann die Massage ab, weil Entspannung und langsame Berührungen zu sehr im Widerspruch zu seiner inneren Verfassung stehen. Auch das ist eine Erfahrung.
  • Manche Männer reagieren sofort sichtbar und hörbar, mit Bewegung, Muskelspiel und Stöhnen. Bei anderen habe ich das Gefühl, meine Berührung weckt überhaupt keine Lust. Und hinterher sagen sie mir, es sei wunderschön und tief entspannend gewesen.
  • Andere entdecken Stellen an ihrem Körper, die sich erotisch anfühlen und die sie bisher gar nicht kannten.
  • Und manche suchen einfach nur Nähe und Berührung, wunderbar.

Lust zeigt sich bei jedem anders. Sie ist viel undurchsichtiger, als wir oft denken.

Von seinen Erwartungen zurückzutreten und anzunehmen, dass es anders läuft, als man es sich wünscht, braucht Zeit. Wenn man so will, ist das ein Reifungsprozess. Vielleicht sogar ein Weisewerden im Leben.

Wie ich den Intimbereich in die Massage einbinde, erzähle ich im Artikel Was bei der Intimmassage wirklich passiert. Lust lässt sich übrigens nicht nur über den Penis wecken, sondern über viele Bereiche des Körpers.

Deine Lust macht gerade Pause?

Nichts muss.
Alles darf.
Du bestimmst.

Was in der Massage geschieht, besprechen wir vorher in Ruhe.

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Zum Nachlesen

Quellen.

7 Quellen anzeigen
  1. 1. Calabrò u. a. (2019): Neuroanatomy and function of human sexual behavior, pmc.ncbi.nlm.nih.gov
  2. 2. Bancroft (2007): Übersicht zum Dual-Control-Modell der männlichen Sexualreaktion, imop.gr
  3. 3. Murray & Brotto (2021), Journal of Sex & Marital Therapy: Wie wichtig es Männern ist, begehrt zu werden; Bericht, psypost.org
  4. 4. Endocrine Society (2015): Weniger sexuelle Aktivität und Lust gehen dem Testosteronabfall bei älteren Männern voraus, endocrine.org
  5. 5. Hackney (2020), Frontiers in Endocrinology: Hypogonadismus bei trainierenden Männern; Zusammenfassung, urotoday.com
  6. 6. Hackney u. a. (2017), Medicine & Science in Sports & Exercise: Ausdauertraining und Libido bei Männern; Einordnung im BC Medical Journal, bcmj.org
  7. 7. Chivers u. a. (2010), Archives of Sexual Behavior: Übereinstimmung von gefühlter und genitaler Erregung, Meta-Analyse, link.springer.com

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