Lust ist das, was du in dir spürst. Sex ist das, was daraus werden kann, mit dir allein oder mit einem anderen Menschen. Dabei kann dein Penis eine große Rolle spielen, aber auch andere Teile deines Körpers, um dich selbst oder den anderen zu erleben.
Und dann kann es vorkommen, dass du Lust verspürst und sich trotzdem nichts in der Hose regt. Dein Glied will sich der Lust nicht unterordnen. Und manchmal, etwa nachts, wächst es in die Höhe, ohne dass dir überhaupt Lust bewusst ist. Was wird daraus ersichtlich? Lust ist nicht dasselbe wie eine Erektion oder sexuelle Aktivität. Die Forschung bestätigt das: Bei Männern stimmen gefühlte Erregung und Erektion zwar recht gut überein, aber längst nicht immer.7
Lass uns doch einmal einen Blick auf deine prachtvolle Erektion richten (sofern ich das darf). Damit sich dein Glied aufrichten kann, muss dein Körper entspannen und loslassen können. Ist dein Penis schlaff, ist die Muskulatur in den Schwellkörpern in einem permanenten, leichten Anspannungszustand. Erst wenn sie nachgibt, kann Blut einströmen. Dafür sorgt der Teil des Nervensystems, der für Ruhe und Erholung zuständig ist. Der Höhepunkt dagegen wird vom aktivierenden Teil gesteuert. Gehirn, Nerven, Hormone, Blutgefäße und Muskeln greifen dabei so fein und perfekt ineinander, dass man vor Ehrfurcht nur staunen kann.
Dieses Zusammenspiel ist erstaunlich robust. Oft funktioniert es über Jahre verlässlich, trotz Stress, Schlafmangel, schlechter Ernährung, Rauchen, Alkohol und Sorgen. Und gleichzeitig ist es sensibel und verletzlich. Irgendwann läuft das Fass über, der Körper streikt, und dann regt sich manchmal gar nichts mehr. Kein Wunder, dass es dann zu einem Libidoverlust beim Mann kommt oder Erektionsprobleme auftreten.
Ein Vorurteil höre ich immer wieder: Männer funktionieren doch ganz einfach. Da fasst man an, und schon entsteht eine Erektion. Sie kommen, und dann gehen sie wieder. Kompliziert, vielschichtig und mystisch sei nur die Sexualität der Frau. Ich möchte dir mitgeben: Das ist verkürzt und stimmt nicht. Deine Sexualität als Mann ist enorm sensibel, vielschichtig und wunderbar fein von der Natur erdacht und gesteuert.
Wie verletzlich das ist, kenne ich sehr gut von mir selbst. Wochenlang spüre ich keine körperliche Lust, und dann kommt die Angst: Jetzt ist sie weg. Jetzt ist das Alter da und hat mich erwischt. Die Momente, in denen ich mich selbst als genießenswert empfinde, werden seltener, und alles wird routinierter, trockener, trauriger, öder und einsamer. Dabei habe ich schon so oft erlebt, dass die Lust irgendwann von selbst zurückkommt. Und trotzdem ist die Angst jedes Mal wieder da. Diese Gelassenheit mit mir selbst zu finden, ist nach wie vor herausfordernd.
Vielleicht kann es dir helfen, dir immer wieder bewusst zu machen, wie hochkomplex das Zusammenspiel aus Lust und Sexualität ist. Unter Umständen kann daraus so etwas wie Nachsicht mit dir selbst entstehen, etwas Verständnis für deine Lage. Deine Lust ist nichts, das du für immer besitzen oder verlieren kannst. Und dein Glied ist kein Werkzeug, das immer dann funktioniert, wenn du es vom Kopf her willst. Beides sind Teile von dir. Sie gehören zu dir und sind mal laut, mal leise.