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Ein Mann mit Reisetasche und Handtuch steht, von hinten gesehen, vor einer Haustür; auf dem Klingelschild daneben steht kein einziger Name.

Meine Tantra-Massagekurse, Teil 4 von 4

Mein erster und letzter Gay-Tantra-Kurs.

Ich hoffte auf Wissen, das mir die gemischten Kurse nicht geben konnten. Gefunden habe ich, wie viel ich selbst kann.

Michael Köllner · 27. Oktober 2026

Ein Mann im Leinenhemd sitzt, von hinten gesehen, im Zug am Fenster und schaut hinaus in die sonnige Landschaft; auf seiner Reisetasche liegt ein senfgelbes Handtuch.

Ab nach Berlin

Endlich unter Gleichgesinnten.

Dieser letzte Teil ist der schwierigste der Serie. Ich erzähle ihn trotzdem, weil ich glaube, dass viele Männer Ähnliches erlebt haben und mit einem unguten Gefühl allein geblieben sind.

Diesmal meldete ich mich allein zu einem Grundkurs in Gay-Tantra-Massage an, einem Kurs ausschließlich für schwule Männer. Nach den beiden gemischten Kursen sehnte ich mich nach einer Atmosphäre, die mir als Mann mehr entspricht. Und in der vielleicht auch Themen Platz finden, die unter Heterosexuellen keinen haben. Ich hoffte auf Austausch, auf neue Ideen und Inspirationen, auf besondere Grifftechniken und auf sensible Anleiter, die viel Erfahrung mitbringen.

Voller Motivation wollte ich dort eine Ausbildung aus mehreren Modulen absolvieren. Der Anbieter, für den ich mich interessierte, ist seit vielen Jahren bekannt, und ich ging davon aus, dort viel Wissen und Können zu finden. Von diesem Grundkurs wollte ich abhängig machen, ob mir die Art, wie dort gearbeitet wird, liegt und ob ich mir die Ausbildung vorstellen kann.

Ein kühler Empfang

Die Ernüchterung an der Haustüre.

Ich wollte mir die Vorfreude nicht von dem unguten Gefühl trüben lassen, das ich ein paar Tage zuvor bekommen hatte: Mehrere Mails mit organisatorischen Fragen waren unbeantwortet geblieben.

Doch dann stand ich vor dem Haus und wusste nicht, wie ich hineinkommen sollte. An der Klingel kein Name, nirgends ein Hinweis auf den Veranstalter. Den anderen Teilnehmern, die nach und nach eintrafen, ging es genauso. Wir mussten uns durchfragen, bis wir endlich vor der richtigen Türe standen. Und auch dort verriet nichts, was sich dahinter verbirgt.

Einer der Veranstalter öffnete abweisend. Kein „Schön, dass du da bist“, kein „Ich freue mich auf die gemeinsame Zeit mit dir“. Das war befremdlich. Er führte mich in einen großen Raum, in dem schon andere Teilnehmer warteten, und ließ mich dort stehen. Ich fühlte mich unwohl. Ich versuchte, mein Gefühl in die richtige Bahn zu lenken, ergriff die Initiative und stellte mich den anderen vor. Das brach ein wenig das Eis.

Der Massageraum selbst war groß und recht ansehnlich. Leider wirkte er unruhig und unaufgeräumt: auf der einen Seite ein Matratzenlager, auf der anderen Möbelstücke, eine Musikanlage, ein Flipchart und manches mehr. Das kündete mir von fehlender Sensibilität für den Rahmen, in dem unsere Massagen stattfinden sollten.

Der Einstieg

Ohne Rahmen.

Auch der offizielle Beginn gab mir keinen Halt: Statt einer Einführung ging es schon bald in eine Übung, in der wir uns gegenseitig auszogen.

Mir wurden die Augen verbunden, und zwei fremde Männer entkleideten mich. Danach standen wir im Kreis, und jeder sollte sagen, wo man bei ihm aufpassen muss und was an ihm schwierig ist. Unwillkürlich fragte ich mich: Wie kann man einen Kurs mit so einer negativen Frage beginnen? Was einem selbst schwerfällt, gibt man vielleicht erst preis, wenn man die anderen ein wenig kennt. Mir fehlte hier das Gespür dafür, wie Vertrauen entsteht. Es braucht Zeit und lässt sich nicht mit einer Übung herbeiführen.

Es war die Zeit kurz nach Corona. Die Hygienevorschriften waren zwar aufgehoben, doch ob wir noch Masken tragen sollten, sprach niemand an. Auch dass man sich die Hände desinfiziert, bevor man jemanden berührt, sagte keiner. Vor einer Massageübung zu duschen war kein Thema, obwohl es in der Wohnung eine Dusche gab. Wir wurden nackt stehen gelassen. Ob man einen Lunghi trägt oder nicht, wurde nicht besprochen. Das musste jeder für sich selbst herausfinden.

Ich hätte am Anfang eines solchen Kurses ein paar grundlegende Regeln erwartet. Zum Beispiel: Wer etwas nicht möchte, darf Nein oder Stopp sagen. Niemand muss etwas ertragen oder erdulden. Hört auf euch, achtet auf euch. Alles, was im Kurs geschieht, bleibt unter uns. Nichts davon wurde angesprochen.

Eine thematische Einführung fehlte völlig. Woher kommt die Tantra-Massage? Wie hat sie sich entwickelt? Andreas Rothe als Begründer der westlichen Tantra-Massage kam überhaupt nicht vor. Über die Rollen des Gebens und Nehmens verlor niemand ein Wort. (Wenn dich die Geschichte interessiert: Ich habe sie in meinem Artikel Die Entwicklung der Tantra-Massage aufgeschrieben.)

Die Übungen

Allein gelassen.

Drei Anleiter begleiteten den Kurs. Darüber hatte ich mich anfangs gefreut, weil ich mit einer wirklich intensiven Anleitung rechnete. Bei einem von ihnen fühlte ich mich gut aufgehoben.

Leider stand die Sprache zwischen uns. Er sprach kein Deutsch und mein Englisch ist nicht besonders gut. Alles, was wir in den Runden teilten, musste von einem anderen Anleiter übersetzt werden und umgekehrt. Gerade bei so feinen, oft schwer greifbaren Körperempfindungen ging dabei viel verloren.

Die Gay-Tantra-Massage folgte in ihrem Aufbau einem anderen Faden als dem, den ich kannte. Eine durchdachte Logik konnte ich leider nicht erkennen. Es wurden zwar einzelne Abschnitte gezeigt, doch kaum erklärt, wie sie zusammenhängen. Wir waren etwa sieben Paare und wurden meist von ein bis zwei Anleitern korrigiert. Das war gut. Trotzdem gab es Phasen, in denen nur ein Anleiter herumging und wir eine ganze Weile mit einer nicht stimmigen Technik berührten und massierten.

Als ich den Gay-Tantra-Kurs besuchte, hatte ich selbst schon eine ganze Menge Massagen gegeben. Ich brachte also viel Erfahrung und Wissen mit. So rutschte ich nach und nach in eine Rolle, die mir vertraut war, in diesem Kurs aber nicht die, die ich mir gewünscht hatte. Ich wollte Schüler sein. Doch immer wieder ertappte ich mich dabei, wie ich hinterfragte und Unklarheiten erkannte. Ich ärgerte mich über fehlende Didaktik, über zu wenig Erklärung und darüber, dass über offensichtliche Fehler in der Massagetechnik hinweggegangen wurde. Ich war nicht bereit, einen Schritt zurückzutreten und das, was ich konnte, unter den Tisch fallen zu lassen.

Wenn ich selbst als Empfangender auf der Matratze lag, fand ich kaum Ruhe. Die Anleiter liefen zum Teil quer durch den Raum, über einen alten Holzboden, der bei jedem Schritt quietschte. Ein Flipchart wurde von einer Ecke in die andere geschoben, und während ringsum massiert wurde, schrieb jemand darauf. Über so viel Unsensibilität konnte ich nur den Kopf schütteln. In einer Zwischenrunde sagte ich, dass ich mich nicht entspannen konnte. Meine Kritik wurde, so mein Eindruck, eher als lästig empfunden.

Ein Mann liegt allein auf dem Bauch auf einer Bodenmatratze in einem großen, sonnigen Raum, den Kopf auf die Arme gelegt; im Hintergrund steht ein leeres Flipchart.

Ritual und Raum

Ohne Gespür.

Während des Massierens wurde Musik angemacht und dann wieder ausgestellt. Ich fragte mich: Wo ist hier der Sinn für ein stimmiges Ritual? Wo ist das Gespür für einen ruhigen Raum?

Einem Anleiter war es wichtig, dass wir als Massierende, bevor wir starten, eine Weile tief, schnell und geräuschvoll atmen. Warum sollte ich so etwas tun? Ich kann nachvollziehen, dass tiefes Atmen entspannen, Hemmungen lösen oder den Fluss im Körper anregen kann. Doch wie so vieles wurde auch dies nicht genau erklärt und in keinen Zusammenhang gestellt.

Ohne jede Ankündigung wurde mitten in einer Massage ein Räucherstäbchen angezündet. Als Empfangender hatte ich gerade begonnen loszulassen, als mir plötzlich der Rauch in die Nase stieg und mir das Atmen erschwerte.

Von der Langsamkeit der Berührungen war zwar immer wieder die Rede, doch gezeigt wurde sie wenig und geübt erst recht nicht so ausgiebig, dass jeder sie wenigstens im Ansatz beherrscht hätte. Umso mehr berührte mich, was einer der Männer, die ich massiert hatte, später in der Runde sagte: „An Michael habe ich gemerkt, was eine langsame Berührung eigentlich ist.“

Dann kam eine Sequenz, die ich bis dahin nicht kannte. Ich lag auf dem Bauch, und jemand setzte sich auf mein Becken, um meine Schulterblätter zu lösen. Ich bekam Platzangst und musste mich wehren. Kaum hatte sich der Mann von mir erhoben, fand ich mich in der Lage wieder, mich zu entschuldigen, weil er diesen Griff nun nicht wie gezeigt an mir üben konnte. Was hat das mit einer Tantra-Massage zu tun?

Als ich in einer Runde ansprach, dass auf die Massierten zu wenig eingegangen werde, kam prompt Gegenkritik von einem Teilnehmer: Wir seien nicht hier, um die Massierten im Blick zu haben, sondern um das Massieren zu lernen. Von den Anleitern kam dazu kaum eine Äußerung. Doch wie kann man massieren lernen, ohne den Massierten im Blick zu haben? Massierter und Massierender sind immer eine Einheit. Als Anfänger muss ich lernen, das, was ich als Massierter fühle, in Worte zu fassen und mitzuteilen, damit der Massierende lernen kann.

Ich fühlte mich in diesem Kurs zunehmend als Außenseiter. Ich sah vieles kritischer als die anderen Anfänger. Als ein Anleiter dann nebenbei erzählte, in fast jedem Kurs gebe es eine Diva, machte es in mir sofort Klick: Diesmal bin ich das. Gemeint war ich nicht, und doch traf mich der Satz, zumal er dabei, so habe ich ihn verstanden, auch an Menschen mit Missbrauchserfahrung dachte. Wer so etwas in einem Kurs sagt, sollte sich bewusst sein, wie es bei jemandem ankommen kann.

Die Penis-Hoden-Massage

Zugeteilt.

Was macht man, wenn man einem Mann zugeteilt wird, den man nicht an seinen Körper lassen möchte, und schon gar nicht an sein bestes Stück?

Für die Penis-Hoden-Massage hatte ich einen Wunschpartner. Wir hatten uns im Blick und freuten uns aufeinander. Für diese intime Massage wäre das sicherlich eine wunderschöne Erfahrung gewesen. Doch wer mit wem übte, entschied nicht der Wunsch, sondern das Auszählen. So wurde ich einem anderen Mann zugeteilt, dessen unbeholfene Berührungen ich schon kannte. Er entsprach mir nicht. Und da ich, was meinen Penis betrifft, ohnehin vorbelastet bin, war das die ungünstigste Ausgangslage, die ich mir hätte vorstellen können.

Die einzelnen Griffe zeigten die Anleiter recht schnell. Wenn ich daran denke, wie ausführlich, aufmerksam und mit Bedacht diese Massage in meinem ersten Kurs an einem Mann gezeigt worden war, war das ein himmelweiter Unterschied.

So lag ich zehn Minuten da. Mein Übungspartner versuchte, die Griffe an mir zu üben, und bei mir regte sich nichts. Wieder wusste ich nicht, was ich tun sollte. Ich hätte Stopp sagen und abbrechen sollen. Irgendwann kam ein Anleiter vorbei und versuchte ihm zu zeigen, wie er mich anders berühren könnte.

Neben mir übte der Mann, den ich mir gewünscht hatte. Ich bekam mit, wie er und sein Partner eine wunderschöne Penis-Hoden-Massage erlebten. Das hat mich sehr traurig gemacht.

Währenddessen saßen die beiden anderen Anleiter auf dem Matratzenlager und tippten auf ihren Laptops. Die Teilnehmer bei etwas so Heiklem derart allein zu lassen, empfinde ich als fahrlässig.

Nach dieser Übung gab es keine Pause und kein Nachgespräch. Stattdessen führten zwei der Anleiter den sogenannten Big Draw vor, eine Atem- und Spannungstechnik, die zu einem lang anhaltenden „Superorgasmus“ führen soll. Auf mich wirkte das wie eine Selbstdarstellung. Was hatte das mit der Penis-Hoden-Massage davor zu tun? Was überhaupt mit einer Tantra-Massage?

Besonders kritisch sehe ich, dass die Anleiter diese Methode nur vorführten. Sie erklärten nicht, was dabei im Körper geschieht, und wiesen nicht darauf hin, dass solche Atem- und Pressübungen für manche Männer gefährlich sein können, etwa bei Herz-Kreislauf-Problemen oder Aneurysmen.

Spätestens nach der misslungenen Penis-Hoden-Massage war mir klar: Ich steige aus. Für mich war offensichtlich, dass dieser Anbieter nicht die Professionalität mitbrachte, die ich für eine Ausbildung erwarte. Hier wollte ich sie ganz sicher nicht machen. Ich brach den Kurs ab und fuhr nach Hause.

Zwei Männer in weißen Leinenhemden sitzen, von hinten gesehen, mit Abstand auf zwei getrennten Bodenmatratzen in einem hellen Raum; zwischen ihnen liegt ein gefaltetes senfgelbes Handtuch.

Nachwehen

Reaktionslosigkeit.

Ich schrieb eine lange, fachlich ausführliche Mail, in der ich genau beschrieb, was aus meiner Sicht schiefgelaufen war.

Ich hatte auf eine Antwort gehofft, doch sie kam nicht. Der Veranstalter setzte sich mit meinen Argumenten nicht auseinander, zumindest nicht mit mir. Auch meine vergessenen Handtücher wurden mir trotz mehrerer Anfragen nicht zurückgeschickt. Für den ganzen Aufwand, den ich betrieben hatte, war das eine enttäuschende Erfahrung, die mich auch viel Geld gekostet hat.

Wenn ich beim Bild aus dem dritten Teil bleibe, hat mir auch dieser Kurs etwas gespiegelt. Mein Wunsch, als Schüler Neues zu lernen, hat sich nicht erfüllt. Dafür habe ich gemerkt, wie viel ich selbst schon mitbringe. Das hat mir Vertrauen in meinen eigenen Weg gegeben.

An dich

Was ich dir sagen möchte.

Das Ganze soll keine Selbstdarstellung sein und keine Aufarbeitung dessen, was ich erlebt habe. Ich habe es dir erzählt, damit du aus meinen Erfahrungen vielleicht Rückschlüsse für dein eigenes Handeln ziehen kannst.

Ich möchte, dass du siehst, dass man an negativen Erlebnissen nicht scheitern muss, sondern sie in etwas Positives verwandeln kann. Und dass du deine Gefühle und Eindrücke wahrnimmst und ernst nimmst, auch wenn ihnen Gruppendruck oder Gruppenzwang gegenübersteht.

Vielleicht erkennst du dich wieder. Vielleicht hast du auch gedacht: Das ist ein bekannter Anbieter, dort kann ich die Tantra-Massage von Grund auf gut erlernen. Und vielleicht hast du auch gedacht: Das ist doch schön, was ich dort erlebt habe, das wirkt doch ganz professionell. Vielleicht bist du aber auch mit zwiespältigen Gefühlen gegangen, oder mit Gefühlen, die unklar und seltsam in dir Raum einnahmen.

Auch wenn es nur ganz kleine, unklare, kaum benennbare Regungen sind: Nimm sie ernst. Egal, ob der Anbieter nach außen versiert wirkt oder einen guten Namen hat. Sei kritisch. Besuche andere Kurse und vergleiche. Sprich mit anderen Teilnehmern. Als ich außerhalb des Kurses mit anderen gesprochen habe, kamen auch bei ihnen kleine Kritikpunkte zum Vorschein. Es ging also nicht nur mir so.

Dieses kleine ungute Gefühl, die leise Ahnung, das, was du fühlst und empfindest, ist wichtig und kann dir deine weitere Richtung weisen. Es verdient, wertgeschätzt und angeschaut zu werden. Wenn etwas nicht stimmt, liegt das an der fehlenden Kompetenz und der fehlenden Verantwortung der Veranstalter, nicht an dir.

Ein Tantra-Massagekurs soll niemanden mit einem schlechten Gefühl nach Hause gehen lassen. Er soll Wissen vermitteln, unterstützen und Kraft geben. Natürlich kann dabei auch etwas in einem berührt werden oder aufbrechen, das angeschaut werden möchte. Dafür braucht es Anleiter mit Kompetenz, die auch nach einer Übung für ein Gespräch da sind.

Und trotzdem möchte ich dir ans Herz legen: Lass dich nicht entmutigen. Es gibt sehr gute Kurse und Anleiter, die reflektiert sind und mit einer durchdachten Didaktik arbeiten.

Was ich aus all dem für meine eigene Arbeit mitgenommen habe, liest du auf meinen Seiten Tantra-Massage lernen und üben und Warum nur Männer?.

Ein Mann sitzt, von hinten gesehen, mit einem senfgelben Handtuch um die Schultern entspannt auf einer sonnigen Holzterrasse vor weit geöffneten Glastüren; neben ihm stehen eine Tasse Tee und ein Olivenbaum im Terrakottatopf.

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